
So kleiden Sie sich richtig
Thermoregulierende Funktionsunterwäsche, Socken mit Silberfasern, Kleidung mit eingebauter Muskelkompression: Für die Sport-Bekleidung wird wissenschaftlich geforscht. Aber nicht alle Innovationen helfen dem Läufer wirklich. Andreas Jack (35) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Empa im schweizerischen St. Gallen, und "Sam" ein so genanntes Manikin, eine Puppe also, die einen kompletten menschlichen Körper in Bewegung simulieren kann. Dabei besitzt Sam 125 Schweißdrüsen sowie 26 Heizkörper, was das Manikin insgesamt befähigt, beinahe jede sportliche Aktivität auf unterschiedlichen Niveaus nachzuahmen.
Jede Art von Bekleidung stellt eine Isolation für den menschlichen Körper dar und beeinflusst die Thermoregulation. Wir untersuchen, wie dieser Isolationseffekt auch mit Textilien möglichst gering gehalten werden kann, erklärt der 35 Jahre alte Deutsche sein Forschungsgebiet. Dass das einfache Baumwoll-T-Shirt bei diesen Untersuchungen den letzten Platz belegt, überrascht angesichts der Vielfalt an unterschiedlichen Funktionsfasern heute niemanden mehr.
![]() |
|
Kompressionssocken haben sich als
|
Auf jeden Fall ist der Läufer mit Funktionswäsche besser bedient als mit einem alten Baumwoll-Shirt. Die erste Lage spielt bei der Schweißverteilung die entscheidende Rolle, erklärt Andreas Jack. Aber auch modernste Qualitäten sind nicht immer gleich gut geeignet. Polypropylen beispielsweise leitet Feuchtigkeit extrem schnell von der Haut weg, hat Andreas Jack festgestellt. Klingt für den Hobbysportler zunächst gut, denn schließlich erwartet er ja genau das von seiner High-Tech-Wäsche.
Ohne Schweiß auf der Haut kann aber kein Kühleffekt stattfinden, klärt der Experte auf. Aha und die Alternative Polyester und Polyamid sowie Mischgewebe erfüllen die Aufgabe, den zur Kühlung nötigen Schweiß flächig auf dem Körper zu verteilen und gleichzeitig überschüssige Flüssigkeit abzuleiten. Sobald eine zweite Bekleidungsschicht hinzukommt bei Regen, Wind oder im Winter beispielsweise sollte der Läufer auf Polyester-Qualitäten zurückgreifen, wodurch weiterhin nur der zur Kühlung notwendige Schweiß auf der Haut gehalten wird. Alles Überschüssige wird von der ersten Lage in die zweite transportiert und muss von dort möglichst direkt in vertikaler Richtung weggeleitet werden.
Zauberwort Bodymapping
Neue Stricktechnologien ermöglichen inzwischen einen ganz neuen Ansatz in der Funktionsbekleidungstechnologie: Bodymapping, also den Einsatz unterschiedlicher Materialien an unterschiedlichen Körperpartien. "Eigentlich ein bekanntes Prinzip", weiß Andreas Jack, "schließlich tragen wir im Winter an den Händen ja auch nicht das gleiche wie am Oberkörper oder am Kopf." Allerdings standen bis vor kurzem weder die entsprechenden Fasern noch die Herstellungsverfahren zur Verfügung. Mittlerweile haben die Spezialisten von Gore Tex ein solches Verfahren bis zur marktreife gebracht. damit können hydrophile Fasern an den Stellen platziert werden, an denen wir stark schwitzen, und beispielsweise gleichzeitig isolierende Schichten dort, wo sie gebraucht werden.
Insgesamt erwartet uns in nächster Zukunft eine Reihe interessanter Entwicklungen. Geforscht wird an aktiven Systemen, die bereits schwitzen und kühlen, bevor Sie es tun. Kleidung, die dank Rundstrick-Maschinen keine einzige Naht und trotzdem unterschiedliche Fasern aufweist, gibt es bereits. Intensiv hat die Empa zuletzt an einer Technologie gearbeitet, um Garne im Plasmaverfahren mit Silber zu bedampfen.
Am besten nackt herumlaufen
Solche Hochtechnologie-Produkte haben natürlich ihren Preis. Aber Andreas Jack hat auch Tipps parat für Läufer, die nicht viel Geld für Funktionswäsche ausgeben möchten: "Unsere Erfahrungen zeigen, dass auch die funktionellen Textilien der Discounter ausreichend sein können, vor allem, was die erste Lage der Unterwäsche betrifft."
Eigentlich müssten wir aus physiologischer Sicht alle nackt herumlaufen, denn am besten funktioniert der menschliche Körper ganz ohne Bekleidung, so Andreas Jack. Dann wäre der Doktorand aber arbeitslos und wir würden uns unzählige Anzeigen wegen Störung der öffentlichen Ordnung einhandeln. Da investiert man dann doch lieber den einen oder anderen Euro in Funktionstechnologien.
Was Läufer über Funktionskleidung wissen müssen
1. Die erste Lage erfüllt NICHT die Hauptaufgabe, Schweiß vom Körper wegzuführen. Das fühlt sich zwar subjektiv angenehm an, doch ohne Schweiß erfolgt keine Kühlung.
2. Um optimal funktionieren zu können, muss die erste Lage körpernah geschnitten sein. Manche Teile weiten sich während des Gebrauchs noch, beachten Sie dies beim Kauf und fragen Sie im Zweifel den Fachverkäufer.
3. Besonders Socken müssen perfekt sitzen. Schon eine halbe Nummer zu groß kann in Verbindung mit Schweiß zu extremer Blasenbildung führen.
4. Wind- und besonders wasserdichte Jacken sind immer ein Kompromiss aus Dichte und Atmungsaktivität. Gerade beim Einsatz dieser Elemente kommt der ersten Lage eine besondere Bedeutung zu.
5. Bodymapping ist die Zukunft, doch schon heute können Sie durch gezielte Wahl der entsprechenden Fasern Ihre Kleidung nach Körperpartien perfekt zusammenstellen.
6. Bis zu 40 Prozent unserer Wärmeabgabe geschieht über den Kopf. Tragen Sie deshalb im Sommer unbedingt atmungsaktive Kopfbedeckungen, um einen Hitzestau zu vermeiden!
7. Pflegen Sie Funktionsfasern mit entsprechenden Produkten, um deren Funktion möglichst lang zu gewährleisten. Schließlich haben Sie nicht unerheblich Geld investiert.
Zurück





