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31.07.2010
Aktuelle Ausgabe
aktiv laufen 4-2010
Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, es weht eine sanfte Brise. Im Sommer macht das Laufen eigentlich doppelt Spaß. Aber Hitze und Sonne können auch Probleme bereiten. Trinke ich genug? Trage ich die optimale Laufkleidung? In der neuen aktiv laufen erfahren Sie alles, was Sie über Training, Ernährung und Bekleidung bei Hitze wissen sollten.
Laufkalender
Der Laufkalender 2010
Alle wichtigen Laufveran-
staltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
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EQUIPMENT

Zwischen Rap und Vogelgezwitscher

1979 war das Jahr, in dem die Musik laufen lernte: Die Firma Sony brachte mit dem Walkman das erste tragbare Kassetten-Abspielgerät auf den Markt. Schon bald trabten die ersten Läufer mit Kopfhörern durch die Straßen und Wälder. Doch Joggen mit Musik hatte zunächst mit vielen Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen: Unhandliche, schwere Geräte, rutschende Kopfhörer, ständige Aussetzer und leiernde Töne sorgten dafür, dass allzu oft das Wichtigste auf der Strecke blieb der Musikgenuss selbst. Der kam erst mit dem digitalen Zeitalter. Hatte der Discman, also der portable CD-Player, noch mit so manchen technischen und praktischen Problemen beim Laufen zu kämpfen, kam der endgültige Durchbruch mit den MP3-Playern. Geräte kleiner als Zigarettenschachteln oder Kaugummipackungen, erschütterungsfrei, mit beachtlicher Klangqualität und immer größerer Speicherkapazität machten die Musik erst so richtig mobil. Während Läufer mit Kopfhörer im Ohr und Walkman in der Hand früher als unbelehrbare Musikfreaks und Einzelgänger belächelt wurden, greifen Läufer heute immer häufiger zum schick gestylten MP3-Player und lassen sich berieseln.

 

Natur pur oder doch die Lieblingsband?
An der Frage, ob Musik zum Training gehört,
scheiden sich die (Läufer-)geister

 

Hörgenuss der anderen Art
Die digitale Dauer-Dröhnung hat aber längst noch nicht jeden erfasst. Nach wie vor widersetzen sich viele der musikalischen Beschallung via MP3. Sie bevorzugen lieber einen Hörgenuss der ganz anderen Art: Meine Musik beim Laufen ist Vogelgezwitscher und der Wind. Ich laufe nie mit Musik, denn ich genieße die Auszeit in der Natur und möchte meine Gedanken einfach vollkommen ungestört und frei fließen lassen, sagt der frühere Spitzenläufer Herbert Steffny. Hinzu kommt, dass ich ohne Musik gefährliche Situationen mit Autos, Fahrrädern oder Hunden nicht überhöre"
Doch viele Langstreckenläufer kämpfen nach spätestens einer Stunde gegen die Langeweile an. Manchen von ihnen hilft der MP3-Player offenbar im Kampf gegen das Motivationsloch: Für mich ist Musik wie Doping, erklärt Ultra-Läuferin Brigid Wefelnberg, die in diesem Sommer unter anderem den fast 100 Kilometer langen Wallis-Lauf in der Schweiz bestritten hat: Wenn es musikalisch richtig zur Sache geht, mit schnellen Tanzrhythmen, dann motiviert mich das sehr. Dann habe ich das Gefühl, als ob ich in Weltrekordzeit den Berg hinaufschieen würde, so die erfahrene Langstreckenläuferin.

Der Laufrhythmus bestimmt die Musik
Spiegel-Kolumnist Achim Achilles alias Hajo Schumacher scheint solche musikalischen Endorphinschübe nicht zu brauchen: "Laufen ist ja gerade die Flucht aus dem Vielreiz-Alltag. Ich brauche keine Musik, schon weil die Kopfhörer fast immer nerven, solange man sie nicht antackert. Die besten Erfahrungen habe ich mit einem umfassend gebildeten, angenehm formulierenden Laufpartner gemacht", gibt er allen potenziell gelangweilten Läufern mit auf den Weg. Der Achilles-Verse schmiedende Journalist und Autor scheint also resistent zu sein gegen die vermeintlich großen technischen Verlockungen, die das Geschäft mit der Musik in den nächsten Jahren so richtig zum Laufen bringen sollen. So könnte nach dem Walk- und Discman schon bald das Zeitalter des sogenannten Step-Man anbrechen. Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung in Rostock haben ein System entwickelt, das nicht nur die Lieblingsmusik abspielen kann, sondern auch den Rhythmus der Musik der Schrittfrequenz anpasst. Das heißt: Nicht die Musik bestimmt den Laufrhythmus, sondern der Laufrhythmus bestimmt die Musik. Ein Handy misst über Sensoren die Schrittfolge des Läufers und passt die Geschwindigkeit der Songs an.
Das System kann nach Angaben der Forscher auch die Pulsfrequenz und den Sauerstoffgehalt im Blut messen und den Takt der Musik entsprechend verändern. Übersteigt der Herzschlag ein vorher festgelegtes Limit, verlangsamt sich automatisch die Musik der Läufer wird sanft abgebremst. Ist der Puls dagegen langsam, macht das Gerät musikalisch wieder Dampf. Eine spezielle Technik sorgt zudem dafür, dass Joe Cocker nicht mit einer Micky-Maus-Stimme singen muss.

Wettlauf der Konkurrenten
"Man hat das Gefühl, dass man sich im Rhythmus der Musik bewegt, ähnlich wie beim Tanzen", sagt Gerald Bieber vom Fraunhofer-Institut, der den Step-Man bereits ausprobiert hat. Ob die Musik dann allerdings noch wirklich schön klingt, ist wieder eine ganz andere Frage und möglicherweise Geschmackssache. Derzeit verhandeln die Erfinder aus Rostock mit einem Mobilfunk-Hersteller, der bereits sein Interesse signalisiert hat. Die Fraunhofer-Forscher rechnen damit, dass der Step-Man bald erhältlich sein wird. Das Vorhaben könnte sich zu einem Wettlauf mit der Zeit entwickeln: Denn auch Apple drängt mit aller Macht auf den Markt der Synchron-Geräte. Der Konzern aus Cupertino hat Medienberichten zufolge bereits ein entsprechendes Patent angemeldet. Ein im neuen iPod eingebauter Beschleunigungsmesser soll die Laufgeschwindigkeit feststellen und den Takt der Musik automatisch anpassen.

Musik zum Träumen
Als hilfreich könnte sich dabei Apples  Partnerschaft mit dem Sportartikelhersteller Nike erweisen. Unter der Marke Nike+ verkauft der US-amerikanische Sportartikel-Riese Laufschuhe und -bekleidung, die auf den speziellen iPod von Apple abgestimmt sind. Der Step-Man, Nike+- oder ähnliche Geräte könnten jedenfalls die Lösung eines Dilemmas sein, das so alt ist wie der Walkman selbst. Dem Rhythmus aus dem Kopfhörer können sich viele Läufer nämlich nur schwer widersetzen. Das kann sich ganz unterschiedlich auswirken: "Wenn die Schrittfrequenz und der Takt der Musik passen, wirkt das anspornend für den Läufer, wenn das nicht der Fall ist, ist die Musik eher kontraproduktiv", sagt Achim Schmidt von der Sporthochschule Köln. Der Tübinger Sportwissenschaftler Hans-Christian Heitkamp ist dagegen überzeugt, dass die Läufer den Motivationsschub aus dem Kopfhörer gar nicht brauchen: "Wenn jemand regelmäßig joggt, dann können Sie die Uhr nach ihm stellen", behauptet er. Der Mensch finde seinen Laufrhythmus auch ganz ohne technische Hilfe: "Viele nutzen die Musik, um zu träumen. Sie laufen gar nicht nach dem Rhythmus der Musik", bezweifelt Heitkamp das Diktat des Taktes.

Bessere Leistung durch Musik?
Zu dieser Frage gibt es nur verhältnismäßig wenig aussagekräftige Studien. Eine der komplexesten Untersuchungen hierzu haben Wissenschaftler der Universität North Carolina Mitte der 90er-Jahre durchgeführt. Die Forscher fanden heraus, dass sich Musik positiv auf Leistung und Motivation auswirken kann – allerdings nur bei untrainierten Läufern. Dagegen hatte sich die Berieselung mit Musik bei trainierten Läufern als eher nachteilig herausgestellt.
Auch Alexander Ferrauti von der Ruhr-Universität Bochum hat sich mit der Fragestellung beschäftigt. Er ließ sechs Sportstudenten auf einem Laufband an der sogenannten aerob-anaeroben Schwelle trainieren, so lange bis sie nicht mehr konnten und den Versuch abbrechen mussten. An einem Tag hörten sie dabei selbst ausgewählte Musik über einen MP3-Player, an einem anderen wurde ohne Musik gelaufen. Das Ergebnis war deutlich: Ohne MP3-Player hielten die Studenten die Belastung etwa 32 Minuten aus, mit Gerät immerhin 39 Minuten: "Die Belastungsverträglichkeit ändert sich durch die Musik", schließt der Sportwissenschaftler daraus.


Natur oder Technik?
Der Forscher würde das Datenmaterial allerdings künftig gerne auf eine breitere Basis stellen. "Zudem müsste untersucht werden", so Ferrauti, "inwieweit andere Faktoren wie zum Beispiel die Belastungsintensität oder die Musikauswahl eine Rolle spielen können." Es stellt sich unter anderem die Frage, ob ein veränderter Musikrhythmus zu einer intuitiven Veränderung des Laufrhythmus führt."

Viele offene Fragen für die Wissenschaft also, während die Industrie bereits die nächsten technischen Entwicklungen auf den Markt wirft. Was darfs denn sein? Wie bisher ein bisschen Lieblingsmusik via MP3-Player oder ein sprechender Laufschuh, kombiniert mit den Powersongs vom iPod oder in Zukunft gar der Step-Man, der einen im Takt der Musik laufen lässt? Doch möglicherweise werden sich auch künftig viele dieser Angebote verweigern und auf die Musik zurückgreifen, die sie am liebsten mögen: Vogelgezwitscher, Windrauschen, Natur pur so wie Achim Achilles. Der gesteht: "Mit fortschreitendem Alter stelle ich fest, dass ich musikfreie Zonen sehr schätze."


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