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31.07.2010
Aktuelle Ausgabe
aktiv laufen 4-2010
Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, es weht eine sanfte Brise. Im Sommer macht das Laufen eigentlich doppelt Spaß. Aber Hitze und Sonne können auch Probleme bereiten. Trinke ich genug? Trage ich die optimale Laufkleidung? In der neuen aktiv laufen erfahren Sie alles, was Sie über Training, Ernährung und Bekleidung bei Hitze wissen sollten.
Laufkalender
Der Laufkalender 2010
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EVENTS

Nachtschicht: Die 100 Kilometer von Biel

Die Sonne ist untergegangen, die Dämmerung verschleiert den Blick auf das Juragebirge, das Thermometer zeigt zwölf Grad. Es ist Freitagabend, kurz nach halb zehn. Vor dem Eisstadion in Biel herrscht reges Treiben. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Läuferscharen herbei. Und ich bin mittendrin in diesem Getümmel. Um mich herum Sportler aus aller Herren Länder: Italiener, Deutsche, Österreicher und natürlich Schweizer. Wir alle haben ein Ziel: Die 100 Kilometer von Biel. Was vor genau 50 Jahren in einer verregneten Novembernacht von 35 mutigen Schweizern ins Leben gerufen worden war, ist über Jahrzehnte zum Mythos geworden. Zum Jubiläumslauf haben mehr als 3.000 Läufer den Weg in die zweitgrößte Stadt des Kantons Bern gefunden. Je näher der Start rückt, desto voller wird es in den vorderen Reihen. Eine Mischung aus Nervosität, Konzentration und Vorfreude liegt in der Luft. Ich selbst bin etwas müde. Am späten Nachmittag habe ich noch eine Stunde geschlafen, nachdem ich eine riesige Portion Spaghetti verdrückt habe, die mir im Laufe der Nacht sicher noch etwas zu schaffen machen wird. Aber die Stimmung im Startbereich lässt mich alle Ängste vergessen. Ich halte mir mein Ziel vor Augen: Ankommen, am liebsten unter 15 Stunden.

 

Die Herausforderung "100 Kilometer" fast
geschafft: Dieser Läufer hat nur noch
einen Kilometer bis zum Ziel. 

 

Der Startschuss
Der Sprecher reißt mich aus meinen Gedanken: „Noch zwei Minuten bis zum Start." Schnell noch etwas dehnen - soweit das zwischen all den Läufern möglich ist. Dann ertönt der Startschuss und die Masse setzt sich in Bewegung. Der Weg führt durch die Innenstadt, auf der linken Seite spiegelt sich das Licht der Laternen im Bielersee. Ich sauge die beschauliche Atmosphäre der Uhrenmetropole, in der Unternehmen wie Rolex, Swatch und Omega ansässig sind, förmlich in mich auf. Immer wieder säumen Zuschauer die Strecke und feuern uns mit einem herzlichen „Hopp, Hopp, Hopp" an. Ich genieße das nette Flair und lasse mich mit der Masse mittreiben. Der Stadt den Rücken gekehrt, geht es hinaus in die Felder, Wälder und Wiesen des Seelands. Langsam weicht meine Müdigkeit, und auch die Läufer um mich herum sind guter Dinge. Man plauscht über Gott und die Welt und natürlich über das Laufen.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Ein Blick auf das Streckenschild am Straßenrand verrät: Die ersten 20 Kilometer sind geschafft. Meine Uhr zeigt Viertel nach Zwölf, ich bin 45 Minuten im Plus. Das beflügelt! Doch langsam melden sich Magenkrämpfe an, die Kohlenhydratbombe vor dem Lauf war offensichtlich doch etwas zu üppig. Aufkommende Zweifel werden aber sofort verdrängt. Schließlich habe ich mich monatelang auf diesen Lauf vorbereitet. Da lasse ich mich von ein bisschen Bauchweh nicht unterkriegen. Mein Blick geht nach vorn. Immerhin habe ich schon fast ein Drittel geschafft.

Die Ruhe der Nacht
Ich scheine nicht der Einzige zu sein, dem die körperliche Anstrengung langsam zusetzt. Es ist ruhiger geworden, außer gleichmäßigen Schritten und tiefen Atemzügen ist kaum etwas zu hören. Inzwischen hat es sich auch ordentlich abgekühlt, etwa sechs Grad schätze ich. Das Körperklima wird unangenehm. Von innen heraus schwitzt man, außen trocknet die Nässe nicht ab. Wenigstens halten mich meine Handschuhe etwas warm. Ich hänge meinen Gedanken nach. Vorsorglich habe ich mir noch die Maße unseres Duschbades gemerkt und ich mache mir einen Plan, wie ich die Fliesen verlegen könnte. Kilometer 38,5. Mein Magen rebelliert immer noch. Aufgeben? Kommt gar nicht infrage. Ich erinnere mich an das vergangene Jahr. Da hat mich mein Freund Mike mit dem Rad begleitet. Die ganze Nacht haben wir geredet und geblödelt, einfach Spaß gehabt. Aber ich werde mich auch allein durchbeißen. Da bin ich mir sicher.
Inzwischen ist es kurz nach drei Uhr. Aus der Dunkelheit taucht das Ziel der Marathonis vor mir auf. Meine Bauchkrämpfe lassen nach und eine gute Stunde später wird es langsam hell. Die Natur erwacht. Das fröhliche Vogelgezwitscher lässt mich meine Müdigkeit vergessen. An der nächsten Verpflegungsstelle gönne ich mir eine kleine Pause. Das Hinsetzen erspare ich mir aber, ahnend, wie schwer das Aufstehen danach sein könnte. Frisch gestärkt mache ich mich auf in Richtung des berüchtigten Ho-Chi-Minh-Pfades. Fast 15 Kilometer lang, schmal, steinig und mit vielen Wurzeln versehen, führt er am Ufer des Flusses Emme entlang. An manchen Stellen ist der Blick auf das rauschende Gewässer durch wildwuchernde Gebüsche versperrt. Ein wenig Urwaldfeeling kommt auf. Bei Kilometer 62,5 ist es geschafft, ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. Mehr und mehr sucht die Sonne sich ihren Weg durch die Wolken und lässt mich die Kälte der Nacht vergessen.

Das Ziel vor Augen
Wenig später erreiche ich das Dorf Bibern. Hier wird ein letztes Mal die Zwischenzeit genommen, drei Viertel der Strecke sind geschafft. So gewaltig das Zurückgelegte auch klingt, ich darf nicht daran denken, dass ein ganzes Viertel noch fehlt. Noch ganz in Gedanken schließe ich zu einem Mitstreiter, etwa mein Jahrgang, auf, wünsche ihm einen guten Morgen und schon sind wir mitten in einem Dialog. Mein neuer Bekannter, mit dem ich etwa zwölf Kilometer abspule, heißt Jörg und ist Ultraläufer. Während wir munter plaudern, zieht bei Kilometer 97 mit Horst Preisler jener Läufer an uns vorbei, der den „100-Marathon-Club" mit 1.500 Marathonläufen und Ultras anführt. Nach Biel zieht es sie eben alle.
Apropos Biel. Schon bald kann ich aus der Ferne die baulichen Ausläufer der Stadt erkennen. Mit dem Ziel vor Augen geht jetzt alles ganz schnell. Nun noch einen flotten Endspurt und ich habe es geschafft. Meine Zeitvorgabe von 15 Stunden habe ich nicht nur geschafft, sondern um gut 20 Minuten unterboten. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl, fast schöner als beim ersten Marathon. Und aller Erschöpfung zum Trotz, noch vor der wohlverdienten Massage, weiß ich eins: Auch im nächsten Jahr werde ich wiederkommen.

Infos: www.100km.ch

Text: Werner Pfefferlein


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