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EVENTS

New York-Marathon: 'Jeden Dollar wert'

New York, John F. Kennedy Airport, 30. Oktober 2008. Zum ersten Mal in seinem Leben betritt Jörn Urban amerikanischen Boden. Die Erschöpfung von achteinhalb Flugstunden ist auf einen Schlag wie weggeblasen. Zu groß ist die Vorfreude auf das, was den Hannoveraner in den kommenden Tagen erwartet. Gemeinsam mit 15 Freunden aus seiner heimischen Laufgruppe wird für den 41-Jährigen mit der Teilnahme am New York-Marathon ein Traum in Erfüllung gehen. „Monatelang haben wir uns vorbereitet, jetzt wollen wir einfach nur noch genießen", erzählt Urban.

Aufregung bei der Ankunft
Schon auf dem Weg ins Hotel packt den leidenschaftlichen Läufer die Faszination der brodelnden Metropole: Die in den Himmel ragenden Wolkenkratzer, Menschen aller Nationen und Hautfarben, die umherlaufen, das schnelle, hektische Treiben. Es ist voll auf den Straßen. Fließt der Verkehr, steht er auch schon wieder. Überall wird gehupt, eigentlich durchgehend. Einen Tag vor Halloween, drei Tage vor dem Marathon und fünf Tage vor den US-Wahlen, zeigt sich New York von seiner buntesten Seite.

 

 Rund 40.000 Sportler machen sich in jedem
Jahr auf, die 42,195 Kilometer durch die
Häuserschluchten von New York zu bewältigen

 

Eine knappe Stunde dauert die Fahrt zum Hotel. Dort angekommen, hält es Jörg Urban aber nicht lange auf seinem Zimmer. Sightseeing steht auf dem Programm. Und das heißt schon vor dem großen Sonntag: Laufen, laufen, laufen. Der Weg führt den Deutschen vom Broadway, dem legendären Theaterviertel am Times Square, zum Ground Zero, dem Rockefeller Center und der Wallstreet bis auf das Dach des Empire State Buildings. Nut gut, dass sich Urban bereits im Flieger mit dem System der Avenues und Streets vertraut gemacht hat.

Gemeinsame Vorfreude
Am Abend zieht es den Diplom-Ökonomen zum Pier 83. Interair, der Sport-Reiseveranstalter, über den sich Jörg Urban ein komplettes Reisepaket inklusive eines der begehrten Startplätze gesichert hat, hat zur Willkommensfahrt auf dem East River eingeladen. Eine gute Gelegenheit, viele Laufverrückte aus ganz Deutschland kennenzulernen und wichtige Tipps für den Lauf am Sonntag zu bekommen. Vom Wasser aus genießen die Sportler dabei einen wundervollen Panoramablick auf das im Lichterglanz erstrahlende Festland, im Hintergrund ragt die legendäre Fackel der Freiheitsstatue in den New Yorker Nachthimmel.

Samstagmorgen reißt der Wecker Jörg Urban früh aus dem Schlaf. Um 8 Uhr fällt der Startschuss zum traditionellen Friendship-Run, der mehr als 16.000 Läufer aus über 40 Nationen vom UN-Gebäude zum Central Park führt. Freundschaft und Frieden zwischen den Nationen sollen dabei zelebriert werden. Auch Jörg Urban mischt sich ins bunte Treiben. Um ihn herum heißblütige Italiener mit weiß-grün-roter Gesichtsbemalung, Dänen mit Wikinger-Helmen, Franzosen mit Perücken in ihren Landesfarben und Mexikaner mit riesigen Sombreros. „Ich habe schon viel vom Nationenlauf gehört, aber was ich hier erlebe, übersteigt meine Vorstellungen", zeigt sich der Deutsche von der freundlichen Atmosphäre beeindruckt. T-Shirts werden getauscht, Verbrüderungsfotos geschossen, Schultern geklopft und Läufer in originellen Kostümen bekommen Komplimente aus aller Herren Länder. Es scheint, als löse sich ein kleines Stück der Anspannung vor dem großen Tag. Und endlich darf Jörg Urban auch das, was er sich seit Tagen versagt hat: laufen.

Auf ins Abenteuer
Dann ist er da, der Morgen des 2. November. Über Monate hinweg hat Jörg Urban diesen Moment herbeigesehnt. Seine Müdigkeit weicht geschäftiger Aufregung. Liegen alle Kleidungsstücke parat? Ist der Fotoapparat auch wirklich aufgeladen? Und dann steht auch schon der Bus vor der Tür, der den erwartungsvollen Läufer zum Startpunkt nach Staten Island bringen soll. Um 5.45 Uhr sind die Straßen noch menschenleer, dafür tauchen immer mehr Busse aus der Dunkelheit auf. Sie alle streben in Richtung Verrazano Narrows Brücke, als würde darunter die Arche Noah bereitstehen.
6.30 Uhr. Im Schatten der Brücke warten bereits unzählige Läufer darauf, endlich auf die Strecke zu dürfen. Frische Bagels, Kaffee und Gespräche mit Sportlern aller Nationen lassen die Zeit bis zum Start aber wie im Fluge vergehen. Und dann schickt Frank Sinatras Hymne „New York, New York" nach und nach mehr als 40.000 Läufer auf die 42,195 Kilometer. Gänsehautfeeling. Mittendrin: Jörg Urban. Doch schon auf den ersten Metern hält der Hannoveraner inne, der Blick von der Verrazano Narrows Brücke ist einfach ein Foto wert. Eindrücke, die die Zeit in den Hintergrund drängen. Laufen, genießen, knipsen - so das Motto des 41-Jährigen.

 

 Der Marathon rund um die legendäre
Freiheitsstatue ist für jeden Läufer
ein Erlebnis der besonderen Art

 

Fünf Bezirke, fünf Welten
Staten Island den Rücken gekehrt, empfängt Brooklyn die Läufer mit der geballten Kraft ausgeschlafener Lungen und Motivationsplakaten an den Häuserfasaden. Die Straßen sind breit, überall stehen Kinder, die abgeklatscht werden wollen. Immer wieder säumen Frauen den Weg, die auf Tabletts Bananen und in Stücke gebrochene Schokolade bereit halten. Hinter einer kleinen Kuppe wird es dann plötzlich ruhiger. In Williamsburg, dem jüdischen Viertel, weicht das eben noch enthusiastische Feiern teilnahmsloser Betrachtung. Keine zwei Hände finden hier klatschend zusammen. „Gerade diese Unterschiede machen den Lauf so besonders", ist Jörg Urban fasziniert.

Die Pulaski Brücke führt die Läuferschar weiter nach Queens. Hoch oben auf der von Stahlträgern gestützten Brücke beginnen die ersten Beine schwer zu werden, die ersten Läufer beginnen zu gehen. Am Ende der Brücke stehen Dudelsackspieler. Einer von ihnen trägt Laufschuhe zum Schottenrock. Solidarität wohin man sieht. Über die Queensboro Bridge geht es dann das erste Mal nach Manhattan. Wieder ein Motiv für das Fotoalbum: Die 1st Avenue, an dieser Stelle achtspurig und kerzengerade verlaufend, säumen unzählige Menschen, die die Läufer mit Plakaten und Parolen anfeuern.

Schlussspurt im Central Park
Eine weitere kraftraubende Brücke führt in die berüchtigte Bronx. Doch während man hier nachts um sein Hab und Gut fürchten muss, wird den Läufern heute alles kostenfrei angeboten. Wie schon in Brooklyn gibt es Frauen, die Obst und Energieriegel bereit halten oder Tücher von Küchenrollen abreißen, um sie den Läufern anzureichen. Auch Jörg Urban nutzt die Gelegenheit, sich kurz die Stirn abzuwischen. Am Stadion der New York Yankees vorbei geht es über die Madison Avenue Brücke wieder zurück nach Manhattan. Während die Sieger schon Stunden im Ziel sind, genießt der Deutsche die letzten fünfeinhalb Meilen Richtung Central Park in vollen Zügen. Nach 4:37 Stunden ist das Abenteuer New York Marathon aber auch für ihn vorbei.

Zwei Tage später sitzt Jörg Urban wieder im Flieger nach Deutschland. Mit im Gepäck: Die Erinnerungen an die wohl aufregendsten 42,195 Kilometer seines Lebens und die Erkenntnis: „Diese Reise war einfach jeden Dollar wert."

Termin 2009: 1. November
Infos: http://www.nycmarathon.org/home/index.php

Text: Laura Kathrein Müller


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