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18.05.2012
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RATGEBER
Ernährung

Essen mit Nebenwirkungen

Der morgendliche Blick in den Spiegel bringt es ans Licht: Der Sterne-Koch von gestern Abend hat mit Glutamat gearbeitet. Der Geschmacksverstärker hat in der Nacht ganze Arbeit geleistet und mein Gesicht aufdunsen lassen. Besonders meine Augenpartie ist verquollen. Dieses Problem ist zunächst einmal eher kosmetisch. Bis Mittag hat mein Körper erfahrungsgemäß den Stoff wieder ausgeschwemmt. Zumindest aus meinem Gesicht. Was den Rest meines Körpers und vor allem, was mein Gehirn anbelangt, hege ich mittlerweile Zweifel.

Erfolgloser Protest
Berechtigte Zweifel, wenn ich dem Buch Die großen Ernährungslügen von Annette Sabersky und Jörg Zittlau glauben darf. Denn hier steht schwarz auf weiß, was Studenten bereits 1995 vermutet haben, als sie an der Fachhochschule Hamburg zu einem Glutamat-Boykott aufriefen: Der Zusatzstoff E 620 (Glutamat) kurbelt den Appetit an und macht somit dick. Gleichzeitig hat er eine toxische Wirkung auf das Gehirn.

 

 Gefährliche Fremdkörper im Essen:
Allein in der EU sind  315 künstliche
Zusatzstoffe zugelassen

 

Der Protest der Studenten damals hatte wenig gefruchtet. Noch immer sorgt Glutamat für einen intensiven Geschmack bei Würstchen, Fertiggerichten, Tütensuppen, Pizza, Chips und Tortellini. Der wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU kam zwar 1988 zu dem Schluss, der Stoff sei sicher, doch eine aktuelle Studie des Pädiaters Michael Hermanussen von der Universität Kiel beweist: Glutamat kann die Blut-Hirn-Schranke passieren und geht direkt ins Hirn. Dort stört es das Sättigungszentrum und kurbelt den Appetit an. Und das nicht nur bei Ratten. Gab der Kieler Professor stark übergewichtigen, ansonsten aber gesunden Frauen Medikamente, die die Glutamatwirkung im Gehirn unterbinden, hatten sie weniger Appetit und nahmen bis zu 10 Prozent ihres Gewichts ab. Streichen wir also glutamathaltige Lebensmittel vom Speisezettel, so die Ernährungslügen-Autoren, purzeln die Pfunde.

Interessant, aber fast unmöglich. Denn E 620 steckt (fast) überall drin. Wer diesem Zusatzstoff entkommen will, muss künftig ausnahmslos selbst kochen. Mit frischen Zutaten vom Bioladen und ohne Hilfsmittel wie Gewürzmischungen, Konserven oder (Salat-)Saucenpulver. Hut ab, wer das schafft. Doch selbst wer sich rigoros an das Selbstkochgebot hält, entgeht nur der Hälfte aller möglichen Zusatzstoffe in unseren Lebensmitteln. Wie Sabersky und Zittlau in "Die großen Ernährungslügen" aufzählen, sind in der Europäischen Union 315 Zusatzstoffe zugelassen und sie stecken beileibe nicht nur in Fast Food und Fertigprodukten. Bereits 50 Prozent der Lebensmittelrohstoffe werden mit Zusatzstoffen versetzt zitieren die Buchautoren Thilo Bode von der Verbraucherorganisation Foodwatch in Berlin. Selbst wenn es sich dabei um Vitamine und Hefen handelte, seien sie deshalb noch lange nicht gesund.

Spannend wie ein Krimi
Die Geschichten um die Lebensmittellügen sind spannend wie ein Krimi und zeugen vom schwarzen Humor unserer Lebensmittelhersteller. Erstaunlich auch, was die Autoren da alles zusammengetragen haben:Eine Studie aus dem Jahr 2000 zum Beispiel beweist: Eine ballaststoffreiche Ernährung mindert keineswegs das Darmkrebsrisiko, wie bisher angenommen. Auch Transfettsäuren in Kartoffelchips, Fertigpommes und anderem kross gebratenem Gebäck gehören zu den großen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch nur Dänemark hat darauf reagiert und ein Transfettsäuren-Verbot erlassen. Seitdem ist dort die Quote der Herzerkrankungen in den letzten fünf Jahren um 20 % zurückgegangen. Deutschland und die USA greifen jedoch noch immer ungehindert zu dem Billigfett.

Verkehrte Welt
Für viele Kinder schmeckt ein aromatisiertes Jogurtfertigprodukt natürlich und ein Jogurt mit Früchten künstlich. Der Grund: Sie wurden von Anfang an auf Fast Food programmiert. Um Fleisch haltbar zu machen, werden Vitamine eingesetzt. Allerdings bereits beim lebenden Vieh. Das Futter wird mit Vitamin C angereichert oder die Tiere erhalten eine Sodium-Acorbat-Lösung intervenös kurz vor der Schlachtung. Tomaten sind nicht nur rot. Wenn man sie ließe, wie die Natur sie einst geschaffen hat, wären sie auch schwarz, violett, gelb oder braun, gestreift oder getupft, heidelbeer- oder kürbisgroß. 300 Sorten lockten einst mit ebenso vielen Aromen. Erst die Industrie hat dem Gemüse systematisch das Aroma weggezüchtet. Wichtiger wurden Haltbarkeit, Festigkeit, Transportfähigkeit und Makellosigkeit.
Wie diese Beispiele zeigen, finden wir in Die großen Ernährungslügen auf 290 Seiten ein buntes Sammelsurium widerlegter oder auch wieder entdeckter (Er-)Kenntnisse. Informativ, interessant, aber auch hoffnungslos entmutigend. Denn auch wir Verbraucher bekommen unser Fett weg: Das Buch bescheinigt uns eine immer geringere ökonomische Wertschätzung für die Ernährung und erinnert daran, dass wir ein Kochfeld aus edlem Keramik, einen selbstreinigenden Backofen, teuerstes Geschirr und einen Designerküchentisch besitzen aber darauf eine Pizza aus der Pappschachtel vom Discounter verzehren. Küchenlogik der modernen Verbraucher nennen das die Autoren.


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