
Diagnose Diabetes: Laufen gegen den Zuckerstau
Als Oliver Klug beim Köln-Marathon 2005 trotz guter Vorbereitung bei Kilometer 20 schlapp machte, ahnte er noch nicht, dass seine Schwäche mit einer Krankheit zu tun hatte, die er bis dahin vor allem mit dickleibigen Bewegungsmuffeln verbunden hatte. Der 35-Jährige aus Erftstadt bei Köln leidet an Diabetes, im Volksmund Zucker genannt. In 3:11 Stunden schleppte er sich anno 2005 ins Ziel und wunderte sich: Ich war einfach nur platt, konnte meine Leistung nicht abrufen" Kurze Zeit später begann der ständige Harndrang, er musste nachts mehrmals aufstehen und zur Toilette gehen. Drei Monate nach dem Köln-Marathon brachte eine Blutuntersuchung die Gewissheit: Der Vater einer Tochter leidet an Diabetes, Typ 1. "Das ist die angeborene Variante", erklärt Oliver Klug, "ihr Entstehen hat nichts mit der Ernährung zu tun, sie kann bis zum 40. Lebensjahr auftreten."
Als die Diagnose feststand, wurde er ins Krankenhaus eingewiesen. Eine Woche lang dauerte es, bis die Untersuchungen abgeschlossen waren und Oliver Klugs Blut durch Insulin-Gaben wieder normale Zuckerwerte aufwies. Als ich wieder zu Hause war, habe ich mich gewundert, dass ich plötzlich den Videotext im Fernsehen wieder lesen konnte, erinnert er sich. Hohe Zuckerwerte schädigen die Augen, bleiben sie langfristig unbehandelt, greifen sie viele Strukturen des Körpers an. Bluthochdruck, Herzinfarkt, schlecht heilende Wunden und Nierenschädigungen zählen zu den Folgekrankheiten.
Rechenaufgabe
Aufs Laufen verzichten muss Oliver Klug als Diabetiker nicht. Im Gegenteil. Bewegung tut mir gut, sagt der Marathonläufer mit einer Bestzeit von 2:51 Stunden, ein besseres Körpergefühl hilft mir beim Umgang mit der Krankheit" Diabetiker sind beim Sport allerdings eingeschränkt. Jedes Essen und jeder Sport wird zur Rechenaufgabe. Das zur Verarbeitung des Zuckers im Körper notwendige Insulin muss gespritzt werden. Wie viel Insulin er vor einem Lauf oder vor einem Essen in die Bauchfalte injiziert, berechnet Oliver Klug anhand der Kohlenhydrate, die er zu sich nehmen will und des zu erwartenden Energieverbrauchs beim Laufen. Außerdem kann er seinen aktuellen Blutzuckerspiegel mit einem kleinen Gerät bestimmen, auf dessen Teststreifen ein winziger Tropen Blut aus der Fingerkuppe aufgetragen wird. Wie die meisten Diabetiker berechnet Oliver Klug seinen Insulin-Bedarf anhand der so genannten Broteinheiten, die er mit einer Mahlzeit zu sich nimmt. Eine Broteinheit entspricht zwölf Gramm Kohlenhydraten. Um die verarbeiten zu können, muss Oliver Klug seinem Körper eine Einheit Insulin zuführen.
Die Spritze sieht aus wie ein Kugelschreiber, an dessen Kopfende mit einem Drehrad die Insulin-Dosis eingestellt wird. Vor den Mahlzeiten sticht er sich die Nadel in den Bauch, vor jedem Lauf piekst er sich mit einer anderen in den Finger, um den Tropfen Blut abzuzapfen, mit dem er seinen Blutzuckerspiegel ermittelt. Damit schützt er sich vor bösen Überraschungen unterwegs. Denn es ist schon vorgekommen, dass er sich zu viel Insulin gespritzt hat und sein Blutzuckerspiegel während des Laufens in bedrohliche Tiefen absackte. Die harmloseste Folgeerscheinung fühlt sich an wie ein Hungerast, im Extremfall droht aber das Koma. Bei den ersten Symptomen hilt nur die schnelle Zufuhr von Zucker, sagt Oliver Klug.
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Diagnose Diabetes: Wer mit der Krankheit und seinem Körper ausreichend vertraut ist, kann problemlos Marathon laufen
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Insulin auf Knopfdruck
Deshalb stehen beispielsweise beim Berlin-Marathon alle zehn Kilometer Diabetes-Experten mit Blutzuckermessgeräten, Kohlenhydraten und Insulin bereit. Sie betreuen die rund 40 Läufer mit Diabetes, die Jahr für Jahr weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in Berlin an den Start gehen. In Windeseile bestimmen sie den aktuellen Blutzuckerspiegel der Läufer und wissen genau, was bei einem zu niedrigen oder zu hohen Wert zu tun ist.
Organisiert wird die Betreuung diabetischer Marathonis durch Ulrike Thurm. Die Diabetikerin und Diabetesberaterin ist Vorsitzende der IDAA, einer Vereinigung diabetischer Sportler. Sie leidet wie Oliver Klug an Diabetes, trägt aber schon seit fast 22 Jahren eine Insulinpumpe am Körper. Durch einen im Unterhautfettgewebe liegenden dünnen Katheter wird entweder kontinuierlich oder auf Knopfdruck Insulin abgegeben.
Erster Marathon 1992
1992 lief Ulrike Thurm damit ihren ersten Marathon in New York. Sport kann den Stoffwechsel beim Diabetiker vollkommen durcheinander bringen, wenn die Therapie nicht der körperlichen Aktivität anpasst wird. Daher muss jeder Diabetiker im Vorfeld so gut geschult sein, dass er seinen Stoffwechsel auf eine sportliche Aktivität einstellen und anpassen kann. Und während des Laufens gilt: messen, messen, messen.
Weil jeder Körper auf das Training anders reagiert, bietet Ulrike Thurm den Teilnehmern des Berlin Marathons Betreuung per E-Mail an. Der Blutzucker sollte vor dem Training oder Wettkampf zwischen 150 und 200 Milligramm pro Deziliter liegen. Um diesen Wert zu halten, müssen Diabetiker zwischendurch Kohlenhydrate aus Cola, Powerriegeln oder -gels zu sich nehmen. Bei Marathonläufen wird üblicherweise Tee angeboten, von dem keiner genau weiß, wie viel Zucker er enthält. Für einen Diabetiker ist das nicht ungefährlich. Bei Cola & Co dagegen sind die Broteinheiten bekannt, weiß Ulrike Thurm.
So können Diabetiker mit ihrer Krankheit sogar schnell Marathon laufen, glaubt Oliver Klug. Unter drei Stunden ist möglich, sagt der ehemalige Mittelstreckler, der in den 90er-Jahren Deutscher Meister mit der 4x1500-Meter-Staffel des ASV Köln war. Zuletzt hat er sich an die Halbmarathon-Distanz gewagt. Nach 1:21 Stunden war er im Ziel. Ich war erstaunt, dass das so gut funktioniert hat, wundert er sich. Mit drei bis vier Trainingsläufen in der Woche hat er das geschafft.
Typ2 weit verbreitet
Würden sich noch mehr Menschen ähnlich viel bewegen, wäre Diabetes wohl ein weitaus kleineres Problem in Deutschland. Denn 90 Prozent der Diabetes-Patienten leiden im Unterschied zu Oliver Klug und Ulrike Thurm an Typ 2. Und dieser Krankheit kann man mit Bewegung vorbeugen. Sogar viele Menschen, die bereits erkrankt sind, könnten auf Medikamente verzichten, wenn sie sich mehr bewegen und ihr Gewicht reduzieren würden.
Denn im Gegensatz zu Typ 1, bei dem die Bauchspeicheldrüse gar kein Insulin mehr herstellen kann, weil die entsprechenden Zellen unwiederbringlich zerstört sind, produziert die Bauchspeicheldrüse bei Typ 2 zunächst noch ausreichend Insulin. Es kann aber nicht seine volle Wirkung entfalten, weil die Körperzellen das Insulin nicht komplett aufnehmen. Um diese so genannte Insulin-Resistenz auszugleichen, produziert die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin. Irgendwann ist sie überfordert und kann das Insulin nicht mehr in ausreichender Menge herstellen.
Durch Bewegung können die Körperzellen ihre Insulin-Aufnahmefähigkeit zurückgewinnen, so dass das körpereigene Insulin wieder besser wirkt. Hier sieht die Diabetes-Beraterin Ulrike Thurm die große Chance der Erkrankten: Ein Diabetiker vom Typ 2 kann seiner Erkrankung buchstäblich davonlaufen" Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Typ 2 Diabetiker sich vorher einem Gesundheitscheck unterziehen und mit ihrem behandelnden Arzt abklären, welche Sportart sie noch in welchem Umfang ausüben können.
Laufen mit dauerndem Zwischenstopp zum Messen und Essen mag umständlich und schwierig klingen. Dennoch rät die Expertin allen Diabetikern, es zu versuchen. Es muss ja nicht gleich der Marathon sein. Zum Einstieg genügt eine halbe Stunde täglich. Aber jedem Diabetiker bringt dieser Sport das, was er den Gesunden auch bringt: Spaß, Lebensqualität und Kontakt zu anderen Menschen" Und wer nicht an Diabetes leidet, kann mit dem täglichen Lauf viel dazu beitragen, ein Leben lang von dieser Krankheit verschont zu bleiben.
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